communication works

Crowdsourcing-Hauptstadt Vuollerim

Größer, besser, mehr Spaß!

Vuollerim hat sich in kürzester Zeit zur Welthauptstadt der Sharing Economy gemausert – obwohl es nur 800 Einwohner hat und am Polarkreis in Nordschweden liegt. Communication Works hat mit Eva-Lena Skalstad und Audun Otterbech gesprochen, um mehr über Crowdsourcing zu erfahren. Dabei haben sie erfahren, dass die Welt ihre kleinen Könige loswerden muss und dass Unternehmen von der Masse lernen müssen – oder ihre Tage gezählt sind.

 

 

Wie schafft es ein kleines Dorf wie Vuollerim, große Crowdsourcing-Veranstaltungen auszurichten?

Eva-Lena: Crowdsourcing und Graswurzeln, gute Absichten, Aktionen und weniger Geld passen gut zu unserem Dorf. Lappland Vuollerim ist sehr praktisch veranlagt und sowieso wie ein Crowdsourcing-Unternehmen für den Tourismus organisiert. Natürlich, es ist ein sehr kleines Dorf mit nur 800 Einwohnern, aber wir haben lange Erfahrungen mit Crowdsourcing und Unternehmertum. Vuollerim hat immerhin 60 kleine Unternehmen, 40 Non-Profit- und acht crowdbasierte Organisationen. Im Dorf!

Audun: Die Menschen sind sehr sensibilisiert dafür, ob eine Initiative gut für das Dorf ist, und in einem erweiterten Sinn dem Gemeinwohl dient. Wenn ich nur eine Nabelschau auf mein eigenes Projekt betreibe und es nur verfolge, um in die eigene Tasche zu wirtschaften, wird es keinen Nachhall finden. Hier würde ich sagen, dass viele der Tradition verpflichtet sind, mit Zeit oder auf irgendeine andere Weise dazu beizutragen, das Dorf attraktiver zu machen.

 

„Der gleiche Mist in neuer Verpackung“?

 

Dieses Jahr treten viele internationale Referenten auf, sogar von großen Unternehmen. Wie stellt Ihr sicher, dass das Sourcing für die Crowd gut ist, dass die Crowd nicht nur für das Sourcing ausgenutzt wird?

Eva-Lena: Ich denke nicht, dass du das überall garantieren kannst. Birgitta Bergvall von der Universität Luleå hier erforscht die negativen Konsequenzen des Crowdsourcing. Wenn du ein Projekt an den Graswurzeln startest, um damit eine nachhaltigere Form des Wirtschaftens zu erreichen, dann kann es natürlich auch, wenn es wächst, negative Entwicklungen geben. Ich denke, es ist gut, sich dessen bewusst zu sein.

Audun: Man sollte Crowdsourcing als Werkzeug betrachten, das man für gute und für schlechte Dinge verwenden kann. Wir haben dafür ein Sprichwort: „Am Ende kannst du leicht auf dem gleichen Mist in neuer Verpackung sitzen bleiben“. Das ist ein Risiko beim Crowdsourcing. Es gibt all diese Werkzeuge und Plattformen, die von innen mit echtem Inhalt gefüllt werden müssen. Anderenfalls bleibt man an Leuten hängen, die nur Zahlen auf eigene Rechnung jagen und unseren Planeten ruinieren. Niemand will sowas, aber du musst dir dessen bewusst sein, und hier liefert Crowdsourcing Week wirklich erstklassige Kompetenz in den verschiedenen Bereichen des Crowdsourcing.

 

Dem Gemeinwohl dienen

 

Eva-Lena: Der Nordische Rat hat gerade einen Bericht veröffentlicht, der besagt: „Vertrauen ist das nordische Gold“. Es geht darum, warum wir das Gute tun. Das ist für uns die Bedeutung von Crowdsourcing. Vielleicht kann Vuollerim dazu beitragen. Alles wird größer und besser und macht mehr Spaß, wenn man Dinge gemeinsam für das Gemeinwohl tut, und nicht nur für sich selbst.

 

Wie setzen Sie sich mit diesem Aspekt bei der diesjährigen Konferenz in Luleå und Vuollerim auseinander?

Eva-Lena: Das Thema in diesem Jahr ist Dezentralisierung. Der gesellschaftliche Transformationsprozess geht im Bezug auf Crowdsourcing wirklich schnell. Eine Aufgabe der der Crowdsourcing Week ist es, dazu beizutragen, die Reise in eine nachhaltige Zukunft zu beschleunigen. Eine andere Aufgabe ist es, die Augen der Menschen zu öffnen, um das Bewusstsein für diese große Veränderung der Gesellschaft, in der wir uns befinden, zu erhöhen. Ob klein oder groß – wenn Unternehmen nicht verstehen, was jetzt vor sich geht, sind ihre Tage gezählt.

Sicherlich, woher sollen wir wissen, ob es die großen Unternehmen wirklich ernst meinen? Ob sie wirklich verstehen wollen, was da passiert, und ob sie dabei sein wollen, oder eben nicht. Ich persönlich bin mir sicher, dass die Veränderung sehr schnell gehen kann, wenn alle Unternehmen den eigentlichen Sinn des Crowdsourcing begriffen haben.

 

Wie spiegelt das Programm der Konferenz die ursprüngliche Philosophie des Crowdsourcing wider?

Audun: Der Begriff „Crowdsourcing“ ist extrem weit gefasst, und es gibt Entwickkungen in den verschiedensten Bereichen. Wir versuchen uns daher breit aufzustellen. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf Dezentralisierung, zum Beispiel im Bereich Energie und Green Tech sowie bei Wachstum und Transformation neuer Geschäftsmodelle. Persönlich finde ich das Potenzial für eine nachhaltige Entwicklung da am interessantesten, wo sich kollektive Intelligenz mit gut durchdachten Prozessen in Wirtschaft und Gesellschaft verbindet.

Eva-Lena: Die Crowd-Economy-Landschaft ist so vielfältig, dass sie alles beeinflusst. CSW hat 14 Felder erfasst, und es ist ihre Summe, die die Gesellschaft verändern wird.

 

„Sie haben nach Geld gesucht und Freunde fürs Leben gefunden „

 

Was ist der Unterschied zwischen Crowdsourcing und Crowdfunding?

Eva-Lena: Es gibt so viele verschiedene Initiativen. Vuollerim zum Beispiel ist im Bereich der Sharing Economy. Die großen Unternehmen sind bei der offenen Innovation und verschiedenen Aspekten der Finanzierung, Kundenkooperation und im Social Business.

Audun: Wenn digitale Plattformen Menschen so beteiligen, wie wir in es in Vuollerim analog tun, dann gibt es großes Verständnis sowohl für Notwendigkeiten als auch für Vorteile. Der Kern der offenen Innovation ist: Die Crowd weiß immer mehr als deine besten Experten. In einem Dorf oder in einem Stadtteil hast du immer eine Art Verbindung. Du hast überschaubare Wege, um eine Community zu bilden, die Dinge zusammen entwickelt. Beginne wo du bist. Tu was du willst. Und schau was passiert.

Eva-Lena: Die Crowdsourcing Week versucht, Aufmerksamkeit für verschiedene Ideen und Menschen in verschiedenen Bereichen zu gewinnen – und in der Mischung können phantastische Sachen passieren. Aber zu eurer Frage nach dem Unterschied zwischen Crowdsourcing und Crowdfunding: Die Basis ist, dass die Menschen zusammenkommen, um ein Problemstellung mithilfe von Crowdsourcing zu lösen. Zur Herausforderung der Finanzierung gibt es Crowdfunding.

 

Findet Ihr, dass Crowdfunding ohne andere Aspekte – wie Steuerungsmodelle oder Bürgerbeteiligung bei der Gestaltung des Geschäftsmodell – ohne die anderen Aspekte sinnvoll ist?

Audun: Es kann verschiedene Gründe geben, dass sich jemand ausschließlich finanziell engagieren möchte. Und dafür gibt es Möglichkeiten. Auf Geschenk-basierten Plattformen kann man eine gute Sache finden, um diese dann finanziell zu unterstützen. Und das war’s auch schon. Man kann auch Geld investieren und im Austausch Aktien erhalten. Vielleicht bekommt man dafür sogar einen Platz im Aufsichtsrat. Manche Leute haben einfach Freude daran, mit ihrem Geld da reinzugehen, wo die Banken nicht wollen. Aber selbst wenn Banken doch investieren, kann man es als Ergänzung zu der Finanzierung verwenden, die benötigt wird.

Eva-Lena: Es gibt sehr frühe Plattformen wie Kiva, die Studenten nur Studienkredite geben (https://www.kiva.org). Dort sucht ein Student nichts anderes als einen Kredit. Aber es gibt spezialisierte projektbasierte Plattformen, auf denen Menschen sich in unterschiedlichster Form engagieren können. Ich habe von einem schwedischen Filmprojekt gehört, in dem die Leute gebeten wurden, Geld für einen Film zu geben. Als Belohnung konnte man eine Rolle im Film kriegen. Dann kamen aber viele Leute, die ganz praktisch bei der Filmproduktion mithelfen wollten. Und wenn diese Menschen heute auf das Projekt zurückblickten, war das für sie das Beste am ganzen Projekt. Sie brauchten Geld und haben dabei auch gleich noch Freunde fürs Leben gefunden. Es gibt also unterschiedliche Finanzierungsniveaus.

 

Die kleinen Könige loswerden


Was können Städte von kleinen Selbstverwaltungs-Gemeinschaften wie Vuollerim in Bezug auf die Organisation von Bürgerbeteiligung lernen?

Audun: Im Kern geht es darum, das Potenzial Menschen zu sehen. Wir müssen aufhören, die Zusammenarbeit durch Prestige zu behindern. Es ist egal, wessen Name auf einem Projekt steht. Wichtig ist, dass es die Welt besser macht. Ich erinnere mich, Hjörtur, einen isländischen Teilnehmer der ersten Crowdsourcing-Woche in Vuollerim. Er sagte: „Ihr habt hier im Ort das größte Hindernis von allen überwunden indem ihr all die kleinen Könige, die im Weg stehen, losgeworden seid.“ Was Vuollerim macht, kann überall gelingen. Offenheit, Vertrauen, Teamarbeit, und die vorhandene Ressourcen für das Gemeinwohl nutzen. Es ist eigentlich nicht schwer, aber man muss sein Prestige und andere konkurrierende Ambitionen bei der Zusammenarbeit loslassen.

 

Jetzt verstehe ich, warum echter Erfolg in einem Innovationsprozess in vielen Unternehmen nicht passiert: Die Egos der meisten Leute sind zu groß. Selbst für ein gemeinsames Ziel wollen sie keinen Schritt zurücktreten und auf persönlich Anerkennung verzichten. Das habe ich in Vuollerim gelernt. Wenn ihr euer Ego beiseite stellt und für einen gemeinsamen Zweck arbeitet, dann kann man fast alles zu erreichen. Vuollerim ist die Zukunft. Epi Ludvik Nekaj, Founder, CSW