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Europa als Roman

Die Hauptstadt

Robert Menasses ”Hauptstadt“ vereint den Detail- und Einfallsreichtum der Gemälde flämischer Meister mit dem Surrealismus eines Magritte. Und spielt damit genau am richtigen Ort: In Brüssel.

 

Auf den ersten Blick sind es tragikomische Übertreibungen erzählerischer Einzelstränge, deren Bewohner zwischen Klischee und Satire schwenken: Ein Schwein, das durch Brüssel läuft. Ein Auschwitz-Überlebender, der im Altersheim seine letzten Tage fristet. Der (natürlich!) Fritten-mampfende belgische Kriminalkommissar, der gegen den Willen seiner eigenen Vorgesetzten einen Mord ermittelt. Der gottesfürchtige Mörder, der – wen sonst? – den falschen Mann erschossen hat. Der Professor auf seiner aussichtslosen Suche nach Unterstützung für eine Vision. Natürlich! Diese überzeichneten Typen kennen wir aus der zeitgenössischen Literatur.

Menschelndes Europa

Menasse stellt ihnen Charaktere gegenüber, die uns sonst eher in den Nachrichten begegnen. Es sind die EU-Vertreter, denen die Literatur bislang wenig Interesse geschenkt hat, vielleicht weil sie als Einzelfiguren einfach noch klischeehafter erscheinen: Die hohe Kommissionsbeamtin, die vor allem an der Karriereleiter klettert. Der Kabinettchef adliger Herkunft, der Diplomatie handhabt wie ein Florett. Der mächtige Lobbyist, dem kein Mittel zu schade ist, um die Interessen seiner Klientel durchzusetzen. Und dennoch: Menasse gelingt mit das schier Unmögliche: Die Figuren berühren dabei, wie sie tapfer mit- und gegeneinander vor dem bekannten Fond der Nationalstaaten kämpfen, deren einziges gemeinsames Mantra Wachstum und nicht Vision heißt.

Die Charaktere, Cafés, Plätze, Gebäude: man hat sie irgendwo schon einmal gesehen, erkennt sie wieder. Stereotype? „Die Hauptstadt“ kommt nicht ohne sie aus, ebenso wenig wie die Wirklichkeit in allen anderen Zentren der Macht. Trotzdem gelingt es Menasse, ein ausgewogenes und vielschichtiges Gesamtbild erstehen zu lassen, das alles andere als stereotyp ist und wider Erwarten Hoffnung an die Stelle von Verachtung setzt. Die Romanfiguren sind liebevoll gezeichnet, mit ausreichend Humor, um sie als Karrikatur erkennen zu lassen, mit ausreichend Tiefgang, um Europa das menschliche Gesicht zu geben, das es tatsächlich hat.

„Die Hauptstadt“ webt ein wunderbares Netz zwischen dem Alltag seiner Protagonisten und den Fäden großer Politik. Ohne zu belehren oder zu mahnen, erinnert der Roman fast beiläufig an den ursprünglichen Gedanken des europäischen Projekts, das von seinen Gründervätern in einem Geist von Weltoffenheit, Toleranz und Kooperation auf den Weg gebracht wurde, und heute in nationalen Egoismen zu ersticken droht.

Darum legen wir diesen Roman jedem ans Herz, der in Brüssel oder irgendwo in Europa bemüht ist, diesen Traum am Leben zu halten. Und freuen uns schon jetzt auf die angekündigte Fortsetzung.

Text: Sabine Froning

Die Hauptstadt, Robert Menasse (nur auf Deutsch)
Suhrkamp Verlag, 24 Euro