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Experten-Prognosen

Lieber den Kraken fragen

Mit „Future Babble“ (zu Deutsch „Zukunftsgeschwätz“) gelang dem Autor Dan Gardner vor einigen Jahren ein ebenso unterhaltsamer wie niederschmetternder Sachbuch-Bestseller über die Fehlerhaftigkeit von Zukunftsprognosen und deren gefährliche Folgen für Politik und Wirtschaft. Nach einem globalen Wahljahr voller Überraschungen und Verwerfungen erscheint das Buch heute aktueller als zu seinem Erscheinungsdatum 2010. Wir stellen es erneut vor, denn gute Prognosen sind unersetzliche Entscheidungsgrundlagen, die sich am besten im Dialog mit anderen schärfen lassen.

Das Jahr konnte nicht besser gewählt sein, um die Verlässlichkeit von Zukunftsprognosen zu erforschen. Im Jahre 1984, dem Jahr der berühmten Dystopie des Schriftstellers George Orwell, begann der amerikanische Psychologe Philip Tetlock ein ungewöhnliches Experiment. Tetlock wählte 284 Experten aus, die Vorhersagen über die politische und wirtschaftliche Zukunft für bares Geld anstellten. Er bat sie, nachprüfbare Prognosen über die kommenden zwei Jahrzehnte anzustellen. 20 Jahre später sah er sich die wenig beeindruckenden Ergebnisse an. Die meisten Experten, befand Tetlock, wiesen in ihren Vorhersagen keine größere Erfolgsquote auf als „Darts werfende Schimpansen“. Schlimmer noch, auf ihre Fehlerhaftigkeit angesprochen, versuchten einige zu schummeln, während andere plötzlich behaupteten, eigentlich doch recht behalten zu haben.

Tetlocks berühmtes Experiment ist der Ausgangspunkt für das Buch „Future Babble: Why Expert Predictions are Next to Worthless, and You Can Do Better“ („Zukunftsgeschwätz: Warum Experten-Vorhersagen fast wertlos sind und Sie es besser können“) des amerikanischen Autors Dan Gardner aus dem Jahr 2010. Ein Buch, das in den vergangen Monaten neue Aktualität erlangt hat. Gardner bezieht sich auf eine Fülle historischer Zukunftsprognosen und kommt schnell zu dem Schluss, dass diejenigen Experten, die sich in ihrem Gebiet besonders gut auszukennen meinen, noch schlechter abschneiden als diejenigen, die viele unterschiedliche Faktoren und Meinungen berücksichtigen.

 

Sind wir alle gleich dumm?

Voller Schadenfreude beschreibt Dan Gardner wort- und bildreich die tollkühnsten Fehlprognosen der Geschichte: von Reagans Totrüsten der Sowjetunion, von dem es hieß, es werde unweigerlich zum atomaren Weltuntergang führen, bis hin zur totalen Unfähigkeit vermeintlicher Wirtschaftsstrategen, die globale Finanzkrise des Jahres 2008 vorherzusagen. Das ist für Leser lustig, nicht zuletzt, weil das Buch das Gefühl verstärkt, „normale Leute“ seien in Wirklichkeit doch schlauer als so genannte Experten. In Zeiten grassierenden Anti-Intellektualismus’ und der Verunglimpfung von Tatsachen als „fake news“ bleibt aber auch ein schales Gefühl zurück. Sind wir wirklich alle gleich dumm?

Dabei ist der Bedarf an verlässlichen Prognosen für die Zukunft unendlich. So lässt sich Politik und Wirtschaft planen – gerne über vier, fünf, oder warum nicht gleich 30 Jahre? Und um je mehr Geld und Ressourcen es geht – egal ob es um die Anzahl von Pädagogen einer kommunalen Kita oder die Profitabilität eines Atomreaktors über den Zeitraum eines knappen halben Jahrhunderts – desto wichtiger ist die Zuverlässigkeit solcher Voraussagen.

 

Das Okrakel Paul

Bei der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika erlangte der Tintenfisch Paul, „das Okrakel“, besondere Berühmtheit, da es ihm gelang, sämtliche Spiele der WM mit deutscher Beteiligung korrekt vorherzusagen – sowie das Finale zwischen Spanien und den Niederlanden. Von einer derart makellosen Bilanz können nicht nur notorisch gut informierte Londoner Sportwettbüros nur träumen.

Viele mögen Fußball für die ernsteste Sache der Welt halten. Alle anderen werden daran denken, dass das Geschäft der Vorhersagen in Sachen Politik und Wirtschaft in den letzten Jahren immer schwieriger geworden ist. Und die Ergebnisse immer unzuverlässiger – von Saarbrückens Malou Dreyer bis Donald Trump fanden sich in den vergangen zwölf Monaten etliche mehr oder weniger Politiker auf dem Gipfel der Macht wieder, denen Wahlforscher eigentlich die bevorstehende Niederlage vorhergesagt hatten.

Doch lieber die Tiere fragen? – Kraken wie dieser Verwandte von Paul wissen es vielleicht besser als die Experten. / Foto: Sandrine Rongère, Pixabay

 

Wirtschaftsprognosen sind noch schlechter als politische

Zoobewohner werden in solchen Fällen gerne zum spöttischen Vergleich herangezogen. Der Krake Paul ist nicht allein. Ihm zur Seite stehen so illustre Prognose-Experten wie der Papagei Lorenzo, die Kuh Yvonne, die Schildkröte Schröte und das Schwein Funtik. Ihnen ist, außer dem Tiersein, gemeinsam, dass sie die Zukunft gleich gut oder besser vorhersagen konnten als hochspezialisierte Meinungs- und Zukunftsforscher. Oder auch: Die Bremer Stadtmusikanten wissen’s am besten!

Gardner gelingt es dennoch eindrucksvoll zu zeigen, wie sehr unsere Welt von den vermeintlich zuverlässigen Prognosen von Experten gesteuert wird. Und dass sie das immer mehr wird. Politik und Wirtschaft folgen selten – trotz großem rhetorischem Wirbel – irgendwelchen Visionen. Nein, sie sind reflexhafte Ausführungen dessen, was Experten oder mittlerweile „Big-Data“ für die Zukunft vorrechnen. Tatsächlich weist Gardner nach, dass im Bereich der Wirtschaft die Prognosen noch schlechter sind als in der Politik. Genauer gesagt: Hier stimme überhaupt nie etwas. Und das stimmt nachdenklich.

 

Community Scouting holt andere Stakeholder ins Boot

Umso wichtiger, schreibt Gardner, bleibe der Grund, warum wir die Zukunft so genau wie möglich beschreiben wollen. Der Nutzen verlässlicher Prognosen ist für uns Menschen kaum zu ermessen. Doch wie weit wollen wir uns auf Zukunftsberechnungen verlassen, die die Entwicklungen der Vergangenheit oder bereits gesammelte Daten einfach in die Zukunft transponieren? Gardner vermutet, dass es insbesondere der Wunsch ist, eben keine Entscheidungen treffen zu müssen; die Linien der Geschichte würden einfach weiter gezogen.

Ein guter Weg, solidere Entscheidungsgrundlagen zu schaffen, ist es, Prognosen wie eigene Pläne und Absichten ständig im Dialog mit anderen zu schärfen. Die von Communication Works entwickelte Methode „Community Scouting“ ist der Einstieg sowohl zu einem besseren Verständnis der Erfolgsaussichten künftiger Projekte als auch zum Gespräch mit einzelnen Stakeholdern und der Öffentlichkeit.

Wer andere mit ins Boot holt, muss nicht alleine rudern und kommt im Zweifel schneller ans Ziel.

 

Text: Niels Reise

Dan Gardner, Future Babble (nur auf Englisch)
Virgin Books, Taschenbuch, 320 Seiten, 10,99 Euro