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Energieavantgarde Anhalt

Eine Energiewende für alle

Gibt es irgendjemanden, der sich im Jahr 2019 in Deutschland offen gegen Klimaschutz und erneuerbare Energien wendet? Wohl kaum. Doch Nutzen und Lasten sind ungleich verteilt – zwischen reich und arm, West und Ost, alten und neuen Akteuren des Energiesystems. Seit ihrer Gründung im Jahr 2015 setzt sich die Energieavantgarde Anhalt dafür ein, der Energiewende mittels regionaler Wertschöpfung ein sicheres Standbein zu geben. Dieses Ziel eint einen vielstimmigen Chor unterschiedlichster Interessenten in Anhalt: Bürger, Unternehmer, Kommunalpolitiker, regionale Energieversorger.

14. Mai 2019


 
Albert Einstein hat einmal rhetorisch gefragt, wieso er eigentlich von niemandem verstanden und dennoch von jedem gemocht würde. Mit der Energiewende scheint es genau umgekehrt zu sein: Nicht weniger als neun von zehn Deutschen halten sie in Zeiten von Klimawandel und Umweltzerstörung für notwendig. Das sind laut einer aktuellen Studie des Potsdamer Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung IASS sogar noch einmal fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Doch gleichzeitig macht sich die Energiewende immer unbeliebter. Die Bürger stören sich nicht nur an Windkraftwerken und neuen Stromnetzen im Landschaftsbild. Besonders ärgern sie sich über die sozial ungerechte Verteilung von Lasten und Nutzen der Energiewende.
 

Es geht nicht nur um Umwelt und Klima
 

In Sachsen-Anhalt wird besonders deutlich, warum und wie sich die Energiewende unbeliebt macht: „‚Wir haben eine niedrigere Kaufkraft als in den westlichen Ländern. Darum haben die Haushalte auch eine geringere Bereitschaft, in Solarzellen auf ihren Dächern zu investieren. Da ist Bayern top und wir eher flop“, sagt Thies Schröder, Vorsitzender der Energieavantgarde Anhalt.

Schröder überrascht es nicht, dass die Energiewende als solche große Akzeptanz genießt. Für ihn ist es die Umsetzung, die in der Kritik steht. „Das Schicksal der Energiewende entscheidet sich nicht nur bei Themen wie Ökologie und Klima. Es geht um Gerechtigkeit“, sagt Schröder. „Als Energieavantgarde Anhalt haben wir uns früh Gedanken über den sozialen Faktor gemacht. Wohlhabende profitieren von Förderprogrammen und Steuererleichterungen, wenn sie in Photovoltaik auf dem Dach des Eigenheims investieren. Sie werden damit zu Selbstversorgern, die einen Teil ihrer Produktion sogar weiterverkaufen können. Doch am Ende bezahlen alle Bürger für die Umstellung des Energiesystems. Auch die Besitzlosen – eben über den Strompreis und Entgelte. Und dieses Paket wird bisher immer teurer.“
 

Win-win oder win-lose?
 

Wenn es darum geht, einen gemeinsamen Vorteil für verschiedene Interessengruppen zu finden, spricht man gerne von einer Win-win-Situation. „Der typische Anhalter hat aber alle Nachteile: viele Windräder vor der Haustür beanspruchen die Landschaft. Und weil aufgrund des hohen Anteils erneuerbarer Energie das Netz modernisiert und ausgebaut werden muss, fallen auch noch deutlich gestiegene Netzentgelte an. Wir haben also statt einer Win-win- eher eine Win-lose-Situation“, sagt Schröder.

Natürlich hat auch die Energieavantgarde Anhalt noch kein Patentrezept dafür, wie man alle Bürger ins Boot einer großen gesellschaftlichen Umwälzung holt. „Doch das ist nötig“, sagt Schröder, „denn wir wollen ja so bald wie möglich ein Energiesystem aus 100% Erneuerbaren.“

„Transparenz und Information sind ein ganz wichtiger Faktor dabei. Viele können einfach nicht sehen, wie man überhaupt etwas mitgestalten kann. Wir wollen und müssen am einzelnen und konkreten Beispiel zeigen, wie Bürger auf unmittelbare Entscheidungen einwirken können. Ziel ist immer, dass sowohl die Region als Ganzes als auch der einzelne Bürger profitiert.“
 

Was ist – und was sein könnte
 

Das geht nicht ohne Politik und Verwaltung vor Ort. Dafür hat die Energieavantgarde das „Stakeholder Empowerment Tool“ entwickelt. Entstanden ist ein digitaler Energieatlas, der kommunalen Politikern, Projektierern, Planern und allen Bürgern hilft zu sehen, was ist und was sein könnte. Für Thies Schröder geht es vor allem um einen besseren Interessenausgleich zwischen all denjenigen, die von der Energiewende betroffen sind.

„Die digitalen Karten verdeutlichen auf Basis der aktuellen Zahlen, wie und wo die Energiewende in Anhalt fortgeschritten ist: Standorte der verschiedenen Erzeugungsanlagen, Größe der Areale, Erzeugung, Lastgang. Sie zeigen aber auch auf, welche Flächen aufgrund von Landschafts- oder Denkmalschutzvorgaben nicht zur Verfügung stehen“, erklärt Schröder.

Damit aber nicht genug: Wer ein ganz eigenes Szenario für die Zukunft vor Augen hat, kann es hier testen. Wo können überhaupt noch Windparks gebaut werden? Eignen sich die vorhandenen Anlagen für ein Repowering? Was passiert, wenn mehr Speicher zugebaut, striktere Energieeinsparungsvorgaben gemacht oder mehr Dachflächen für PV genutzt werden? „Verschiedene Szenarien zu Fragen der Energiespeicherung, Effizienz, Repowering usw. zu visualisieren, hilft dabei herauszufinden, ob man eigentlich für oder gegen etwas ist.“
 

Des einen Leid, des anderen Freud

 

Auch das Thema Energieeffizienz beschäftigt die Energieavantgarde Anhalt. „Im Rahmen eines unserer Projekte zeigen wir zum Beispiel, wie Unternehmen die Abfallprodukte ihrer eigenen Produktion anderen Unternehmen zugänglich machen können. Da kann es beispielsweise um Holzreste oder Abwärme gehen,“ erklärt Schröder. „Unser Projektbeauftragter Rolf Hennig hilft bei der Identifizierung geeigneter Partner und Fördermöglichkeiten und bringt die entsprechenden Anträge gemeinsam mit ihnen bis zu den Entscheidern.“

Hennig sich dafür eigens von der Ingenieurkammer Sachsen-Anhalt zum kommunalen Energiebeauftragen ausbilden lassen.
 

Fossile Energie brachte Arbeitsplätze – was bringt die Energiewende?
 

„Für viele Menschen in Sachsen-Anhalt war die Energiewende erstmal eine Bedrohung“, sagt Schröder. „Die traditionelle Energiewirtschaft hatte eine wichtige und die Identität stark prägende Rolle in der Braunkohleregion. Fossile Energien benötigten einen hohen Arbeitsaufwand, um die Kohle aus der Erde zu holen, sie in Kraftwerke zu transportieren und dort zu verbrennen. Das hat viele gut bezahlte Arbeitsplätze in die Region gebracht und die Region über ein Jahrhundert geprägt. Davor, diesen Plusfaktor zu verlieren, fürchten die Menschen sich erstmal.“
 

Thies Schröder: “Es ist unsere Stärke, dass wir kontrovers diskutieren und dabei immer gesprächsfähig bleiben.”
 

„Viele von uns in Anhalt fragen sich zu Recht: Wem gehören denn die Windturbinen, wer verdient an denen? Was wird aus unserem UNESCO Weltkulturerbe? Was wird aus Artenschutz, Wald und Natur? Wir wollen und müssen dafür sorgen, dass alle Bürger nicht nur die Nachteile der Energiewende erleben, sondern an den wirtschaftlichen Vorteilen teilhaben.“

Schröder erklärt, dass die Energieavantgarde die Energiewende mit einer stabilen Entwicklung des Energiemarktes verbinden will, bei dem insbesondere die regionale Wertschöpfung berücksichtigt wird. „Wir möchten mit allen Akteuren und Bürgern gemeinsam die technischen, ökonomischen, sozio-kulturellen und politischen Veränderungen für einen zukunftsfähigen Umbau des Energiesystems gestalten.“
 

Vorbilder in Europa?
 

Dabei schaut man auch über die Grenzen hinaus. Als beispielhaft beschreibt Schröder das europäische „Intensify“-Projekt, an dem die Energieavantgarde beteiligt ist. Dabei geht es u.a. um die Entwicklung von Modellen zur Bürgeraktivierung und finanziellen Beteiligung an der Energiewende zum Zwecke des Klimaschutzes. „Wir wollen, dass Bürger in Zukunft finanziell stärker profitieren,“ sagt er. „Dass die Kosten anders umgelegt werden.“

„Im Rahmen von „Intensify“ haben wir gelernt, wie so genannte 50/50 Modelle funktionieren, die es z.B. in Portugal und Italien gibt.“ Schröder erklärt beispielhaft, wie eine Schule ihre Dachflächen für PV in Verbindung mit Dämmung zur Energieeinsparung nutzen kann: „Dadurch reduzieren sich sowohl Klimagase als auch Kosten. Und das ist gut! In Portugal oder Italien besteht Anreiz darin, dass ich als Schule anteilig einen Teil der Einsparung behalten und frei verwenden kann, z.B. für ein besseres pädagogisches Angebot. In Deutschland ist das bisher so nicht möglich. Das muss besser und einfacher werden, damit die Entscheidung leichter fällt, solche Wege zu gehen.“
 

Ein Bürgerrecht auf Mitbestimmung und Beteiligung an der Energiewende

 

Organisationen wie die Energieavantgarde setzen sich häufig dem Verdacht aus, eine bestimmte politische Couleur zu haben. Dem widerspricht Schröder vehement.

„Wir sind kein Single-Issue-Verein und auch keine Lobby-Organisation für ein bestimmtes Wirtschaftsmodell. Im Gegenteil: Wir sind eine maßgebende Nichtregierungsorganisation in wichtigen Fragen der Energiewende. Die erneuerbare und digitale Energielandschaft der Zukunft erfordert ein Bürgerrecht auf Mitbestimmung und Beteiligung an der Wertschöpfung der Energiewende. Unsere Stärke ist, dass wir kontrovers diskutieren und dabei immer gesprächsfähig bleiben. Unsere Schwäche, dass wir uns auf einem Feld bewegen, das nicht immer einfach zu vermitteln ist. Wir sind anders als die Anderen und ein bisschen freischwebend. Eine Art Chaos Computer Club*,“ beschreibt Schröder die Energieavantgarde mit einem Augenzwinkern. „Aber wir versuchen auch an andere bestehende Akteure anzudocken. So gesehen sind wir vielleicht doch eher eine Volkshochschule – öffentlich, breit aufgestellt. Wir verbinden öffentliches und privates Interesse, Unternehmen, Finanziers, Kommunen und Bürger.
 

www.energieavantgarde.de
 
*Der Chaos Computer Club e. V. (CCC) ist die größte europäische Hackervereinigung und seit über dreißig Jahren Vermittler im Spannungsfeld technischer und sozialer Entwicklungen. Die Aktivitäten des Clubs reichen von technischer Forschung und Erkundung am Rande des Technologieuniversums über Kampagnen, Veranstaltungen, Politikberatung, Pressemitteilungen und Publikationen bis zum Betrieb von Anonymisierungsdiensten und Kommunikationsmitteln.

Niels Reise